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Ein Lebensgespräch im kalten Wohnzimmer

Ein Lebensgespräch im kalten Wohnzimmer

,,Es wäre schön, wenn du meinen Bruder kennenlernst. Ich meine komplett, oder hast du ein Problem mit dem Anblick von Verstorbenen?“ Das sagte die Schwester von M. zu mir, bei unserem allerersten Telefonat. ,,Du siehst jung aus, mein Bruder hatte immer jüngere Freundinnen, also das passt schon mal. Alles Weitere werden wir besprechen“ Ich musste schmunzeln und dachte mir, die am Telefon, die magst du!
Die Feier durfte nichts von der Stange werden, sondern musste etwas ganz besonderes und für immer unvergessen sein. Ein Seelen Denkmal musste gesetzt werden, am besten komplett massiv.

Der Grundstein dafür wurde bereits bei dem Trauergespräch gelegt. M. verstarb ganz plötzlich. Mitten aus dem Leben gerissen, konnte man sein Fehlen einfach nicht fassen oder gar begreifen. M. wurde aufgebahrt, damit man sich noch persönlich von ihm verabschieden konnte.
Hiermit begann ein wichtiger Prozess für die Trauerarbeit durch die Angehörigen.
In eine Leichenhalle zu gehen und einen Verstorbenen zu sehen, verlangt von den meisten unglaublich viel ab. In dieses kaltes und stilles Zimmer zu gehen und den sonst lebensfrohen und lustigen Bruder und Freund ohne inneres Leben zu sehen, ist nahezu unerträglich. Jedoch kann dieser Schritt unglaublich wichtig für den Umgang mit der Trauer sein.
In vielen Kulturen, (wie auch in meiner) werden die Verstorbenen im Wohnzimmer aufgebahrt, um sich von ihm in der vertrauten Umgebung zu verabschieden.
Trotz der möglichen Unsicherheit, kamen unglaublich viele liebe Menschen, um sich von M. ganz persönlich zu verabschieden. So auch ich. Ich merkte, wie wichtig es seiner Schwester war, dass ich ihn noch sehe.
Zuerst saßen wir alle draußen, versammelt auf dem Friedhof vor der Halle. Einer nach dem anderen ging hinein. Jeder einzelne bekam die Zeit, die er für den Abschied brauchte. Um noch etwas zu sagen, was man nie ausgesprochen hat. Um sich noch zu bedanken, wenn man es zu Lebzeiten versäumt hat. Um sich ein allerletztes Mal von der weltlichen Form des geliebten Menschen zu verabschieden. Alle waren so unglaublich dankbar für diese Möglichkeit.
Aus dem Trauergespräch wurde durch all die Freunde, durch all die Lieben von M. zu einem richtigen Lebensgespräch.
Mein Büchlein wurde mit so viel Liebe und Leben gefüllt. Die Geschichten überschlugen sich und jeder war tief berührt, mit mir seinen ganz persönlichen Weg und all die Ereignisse an der Seite von M. zu teilen. Dann meinte die Schwester des Verstorbenen, dass wir doch jetzt gemeinsam zu ihrem Bruder gehen können. Jetzt wäre dem Gefühl nach der richtige Zeitpunkt.
Da ich das Wort „Leichenhalle“ so gar nicht leiden kann, nannte ich es – das kalte Wohnzimmer.
Es war sehr friedlich, gekühlt, unendlich still und alles so liebevoll hergerichtet.
Und M. sah verdammt gut aus! Ich ging zu ihm und stellte mich vor. Ganz nah stand ich an seinem Sarg und bekam den Gedanken ,,Hoffentlich werde ich dir gerecht“, einfach nicht los.
Wir setzen uns und ich fühlte diesen unendlichen Stolz, den seine Schwester an seiner Seite fühlte.
Wir sprachen über die Kindheit, über das Geschwister Dasein und über die Hürden, die das Leben mit sich brachte. Wir erkannten Parallelen und Gemeinsamkeiten. Dieses Gespräch war innig, vertraut und einfach wundervoll. Jeder Augenblick war kostbar und wärmte mein Herz, trotz der erfüllten Kälte im Raum. Oft dachte ich mir bei all den bunten Geschichten: ,,Schade, dass ich M. erst durch all die Geschichten kennengelernt habe und nicht schon viel früher. Wir hätten uns sicherlich gut verstanden…“
Die Zeit verging wie im Flug und uns fiel auf, dass wir nun wirklich lange bei M. waren, ohne es zu merken.
Ich verabschiedete mich von M. und war mir sicher, dass mein Redenswerk ihm gerecht wird. Es musste! Alles andere war keine Option.
Draußen verabschiedete ich mich von M. seinen Freunden und von seiner Schwester.
Die Trauerfeier fand ein paar Tage später statt und wurde unvergesslich. Gemeinsam haben wir ein massives Denkmal im Herzen für die Ewigkeit geschaffen.
Den Abschied,  jedoch vor allem unser Gespräch im kalten Wohnzimmer werde ich für immer in meinem Herzen tragen.

M., dich kennenzulernen war mir eine unglaublich große Ehre.

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